Nietzsche. Genealogie der Moral. Zweite Abhandlung. 14

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Diese Liste ist gewiß nicht vollständig; ersichtlich ist die Strafe mit Nützlichkeiten aller Art überladen. Um so eher darf man von ihr eine vermeintliche Nützlichkeit in Abzug bringen, die allerdings im populären Bewußtsein als ihre wesentlichste gilt – der Glaube an die Strafe, der heute aus mehreren Gründen wackelt, findet gerade an ihr immer noch seine kräftigste Stütze. Die Strafe soll den Wert haben, das Gefühl der Schuld im Schuldigen aufzuwecken, man sucht in ihr das eigentliche instrumentum jener seelischen Reaktion, welche »schlechtes Gewissen«, »Gewissensbiß« genannt wird. Aber damit vergreift man sich selbst für heute noch an der Wirklichkeit und der Psychologie: und wieviel mehr für die längste Geschichte des Menschen, seine Vorgeschichte! Der echte Gewissensbiß ist gerade unter Verbrechern und Sträflingen etwas äußerst Seltnes, die Gefängnisse, die Zuchthäuser sind nicht die Brutstätten, an denen diese Spezies von Nagewurm mit Vorliebe gedeiht – darin kommen alle gewissenhaften Beobachter überein, die in vielen Fällen ein derartiges Urteil ungern genug und wider die eigensten Wünsche abgeben. Ins große gerechnet, härtet und kältet die Strafe ab; sie konzentriert; sie verschärft das Gefühl der Entfremdung; sie stärkt die Widerstandskraft. Wenn es vorkommt, daß sie die Energie zerbricht und eine erbärmliche Prostration und Selbsterniedrigung zuwege bringt, so ist ein solches Ergebnis sicherlich noch weniger erquicklich als die durchschnittliche Wirkung der Strafe: als welche sich durch einen trocknen düsteren Ernst charakterisiert. Denken wir aber gar an jene Jahrtausende vor der Geschichte des Menschen, so darf man unbedenklich urteilen, daß gerade durch die Strafe die Entwicklung des Schuldgefühls am kräftigsten aufgehalten worden ist – wenigstens in Hinsicht auf die Opfer, an denen sich die strafende Gewalt ausließ. Unterschätzen wir nämlich nicht, inwiefern der Verbrecher gerade durch den Anblick der gerichtlichen und vollziehenden Prozeduren selbst verhindert wird, seine Tat, die Art seiner Handlung an sich als verwerflich zu empfinden: denn er sieht genau die gleiche Art von Handlungen im Dienst der Gerechtigkeit verübt und dann gutgeheißen, mit gutem Gewissen verübt: also Spionage, Überlistung, Bestechung, Fallenstellen, die ganze kniffliche und durchtriebene Polizisten- und Anklägerkunst, sodann das grundsätzliche, selbst nicht durch den Affekt entschuldigte Berauben, Überwältigen, Beschimpfen, Gefangennehmen, Foltern, Morden, wie es in den verschiednen Arten der Strafe sich ausprägt – alles somit von seinen Richtern keineswegs an sich verworfene und verurteilte Handlungen, sondern nur in einer gewissen Hinsicht und Nutzanwendung. Das »schlechte Gewissen«, diese unheimlichste und interessanteste Pflanze unsrer irdischen Vegetation, ist nicht auf diesem Boden gewachsen – in der Tat drückte sich im Bewußtsein der Richtenden, der Strafenden selbst die längste Zeit hindurch nichts davon aus, daß man mit einem »Schuldigen« zu tun habe. Sondern mit einem Schaden-Anstifter, mit einem unverantwortlichen Stück Verhängnis. Und der selber, über den nachher die Strafe, wiederum wie ein Stück Verhängnis, herfiel, hatte dabei keine andre »innere Pein«, als wie beim plötzlichen Eintreten von etwas Unberechnetem, eines schrecklichen Naturereignisses, eines herabstürzenden, zermalmenden Felsblocks, gegen den es keinen Kampf mehr gibt.

Depressionen

Nietzsche. Bedenklich

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Bedenklich. – Einen Glauben annehmen, bloß weil er Sitte ist, – das heißt doch: unredlich sein, feige sein, faul sein! – Und so wären Unredlichkeit, Feigheit und Faulheit die Voraussetzungen der Sittlichkeit?

Siehe auch:

Nietzsche. Man wird moralisch…

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Man wird moralisch – nicht weil man moralisch ist! – Die Unterwerfung unter die Moral kann sklavenhaft oder eitel oder eigennützig oder resigniert oder dumpf-schwärmerisch oder gedankenlos oder ein Akt der Verzweiflung sein, wie die Unterwerfung unter einen Fürsten: an sich ist sie nichts Moralisches.

 

Nietzsche. Der weibliche Intellekt

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Der weibliche Intellekt. – Der Intellekt der Weiber zeigt sich als vollkommene Beherrschung, Gegenwärtigkeit des Geistes, Benutzung aller Vorteile. Sie vererben ihn als ihre Grundeigenschaft auf ihre Kinder, und der Vater gibt den dunkleren Hintergrund des Willens dazu. Sein Einfluß bestimmt gleichsam Rhythmus und Harmonie, mit denen das neue Leben abgespielt werden soll; aber die Melodie desselben stammt vom Weibe. – Für solche gesagt, welche etwas sich zurechtzulegen wissen: die Weiber haben den Verstand, die Männer das Gemüt und die Leidenschaft. Dem widerspricht nicht, daß die Männer tatsächlich es mit ihrem Verstande so viel weiter bringen: sie haben die tieferen, gewaltigeren Antriebe; diese tragen ihren Verstand, der an sich etwas Passives ist, so weit. Die Weiber wundern sich im stillen oft über die große Verehrung, welche die Männer ihrem Gemüte zollen. Wenn die Männer vor allem nach einem tiefen, gemütvollen Wesen, die Weiber aber nach einem klugen, geistesgegenwärtigen und glänzenden Wesen bei der Wahl ihres Ehegenossen suchen, so sieht man im Grunde deutlich, wie der Mann nach dem idealisierten Manne, das Weib nach dem idealisierten Weibe sucht, also nicht nach Ergänzung, sondern nach Vollendung der eigenen Vorzüge.

Nietzsche. Das intellektuale Gewissen

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Das intellektuale Gewissen. – Ich mache immer wieder die gleiche Erfahrung und sträube mich ebenso immer von neuem gegen sie, ich will es nicht glauben, ob ich es gleich mit Händen greife: den allermeisten fehlt das intellektuale Gewissen; ja es wollte mir oft scheinen, als ob man mit der Forderung eines solchen in den volkreichsten Städten einsam wie in der Wüste sei. Es sieht dich jeder mit fremden Augen an und handhabt seine Waage weiter, dies gut, jenes böse nennend; es macht niemandem eine Schamröte, wenn du merken läßt, daß diese Gewichte nicht vollwichtig sind – es macht auch keine Empörung gegen dich: vielleicht lacht man über deinen Zweifel. Ich will sagen: die allermeisten finden es nicht verächtlich, dies oder jenes zu glauben und darnach zu leben, ohne sich vorher der letzten und sichersten Gründe für und wider bewußt worden zu sein und ohne sich auch nur die Mühe um solche Gründe hinterdrein zu geben – die begabtesten Männer und die edelsten Frauen gehören noch zu diesen »Allermeisten«. Was ist mir aber Gutherzigkeit, Feinheit und Genie, wenn der Mensch dieser Tugenden schlaffe Gefühle im Glauben und Urteilen bei sich duldet, wenn das Verlangen nach Gewißheit ihm nicht als die innerste Begierde und tiefste Not gilt – als das, was die höheren Menschen von den niederen scheidet! Ich fand bei gewissen Frommen einen Haß gegen die Vernunft vor und war ihnen gut dafür: so verriet sich doch wenigstens noch das böse intellektuale Gewissen! Aber inmitten dieser rerum concordia discors und der ganzen wundervollen Ungewißheit und Vieldeutigkeit des Daseins stehen und nicht fragen, nicht zittern vor Begierde und Lust des Fragens, nicht einmal den Fragenden hassen, vielleicht gar noch an ihm sich matt ergötzen – das ist es, was ich als verächtlich empfinde, und diese Empfindung ist es, nach der ich zuerst bei jedermann suche – irgendeine Narrheit überredet mich immer wieder, jeder Mensch habe diese Empfindung, als Mensch. Es ist meine Art von Ungerechtigkeit.

Nietzsche. Der Schein-Egoismus

http://www.zeno.org/nid/20009245081

Der Schein-Egoismus. – Die allermeisten, was sie auch immer von ihrem »Egoismus« denken und sagen mögen, tun trotzdem ihr Leben lang nichts für ihr ego, sondern nur für das Phantom von ego, welches sich in den Köpfen ihrer Umgebung über sie gebildet und sich ihnen mitgeteilt hat; – infolgedessen leben sie alle zusammen in einem Nebel von unpersönlichen, halbpersönlichen Meinungen und willkürlichen, gleichsam dichterischen Wertschätzungen, einer immer im Kopfe des andern, und dieser Kopf wieder in anderen Köpfen: eine wunderliche Welt der Phantasmen, welche sich dabei einen so nüchternen Anschein zu geben weiß! Dieser Nebel von Meinungen und Gewöhnungen wächst und lebt fast unabhängig von den Menschen, die er einhüllt; in ihm liegt die ungeheure Wirkung allgemeiner Urteile über »den Menschen«, – alle diese sich selber unbekannten Menschen glauben an das blutlose Abstraktum »Mensch«, das heißt an eine Fiktion; und jede Veränderung, die mit diesem Abstraktum vorgenommen wird, durch die Urteile einzelner Mächtiger (wie Fürsten und Philosophen), wirkt außerordentlich und in unvernünftigem Maße auf die große Mehrzahl, – alles aus dem Grunde, daß jeder einzelne in dieser Mehrzahl kein wirkliches, ihm zugängliches und von ihm ergründetes ego der allgemeinen blassen Fiktion entgegenzustellen und sie damit zu vernichten vermag.

Selbstbetrugbetrug

Ich habe Angst, dass ich mich in meinem Inneren selbst belüge.

Warum?

Weil das so ist. Jeder weiß doch, dass dies eine Sache ist, vor der man sich hüten muss.

Gibt es diese Sache überhaupt?

Selbstverständlich!

Sprichst Du aus eigener Erfahrung?

Ja und nein. Die eigene Erfahrung ist ja eben sehr unzuverlässig. Und wie gesagt: Es weiß ja nun wirklich jeder, dass der Mensch die Fähigkeit hat, sich selbst zu belügen.

Häufig sind auch Irrtümer so weit verbreitet wie eine Wahrheit. Das „jeder“ ist insofern kein Argument. Außerdem bedeutet die Fähigkeit sich selbst zu belügen nicht, dass man die Fähigkeit ehrlich zu sich zu sein nicht mehr hat.

Theoretisch hast Du Recht. In der Praxis aber weiß man allein schon wegen der Möglichkeit, dass man sich selbst belügen kann, überhaupt nicht mehr mit Sicherheit, was man gerade tut. Eine Lüge, der man auf den Leim geht, ist – wenn man ihr wirklich auf den Leim geht – äußerlich ja genauso wie eine Wahrheit.

Ich glaube Du bist derjenige, der hier mehr Theorie produziert als von seinen Erfahrungen zu berichten.

Ich bin nur nicht naiv. Ich weiß, wozu der Mensch im Stande ist. Und die eigene Erfahrung ist, wie bereits gesagt, eben äußerst unzuverlässig – das ist es doch gerade!

Wenn Du nicht auf Deine Erfahrung zurückgreifst, muss diese Überzeugung irgendwie von außen in Dich reingekommen sein. Wie kam diese Idee in Deinen Kopf? Erinnerst Du Dich?

Puh, nein. Bzw. schwach. Ich erinnere mich des ein oder anderen Fragments in einem Gespräch mit verschiedenen, ganz vernünftigen Menschen, in dem ich dieser Idee zum ersten Mal begegnete. Außerdem ist sie einfach logisch. Wie gesagt: Wenn es dieses Selbst-Belügen gibt, dann wissen wir in dem Moment, in dem es passiert ja auch nichts davon! Wir kommen noch nichtmal auf die Idee, dass wir es gerade tun!

Das ist nur die Logik innerhalb dieser Annahme, also nachdem man sie angenomen hat. Und außerdem hätten wir gemäß dieser Logik doch niemals auf diese Idee kommen können.

Nun, man darf nicht allzu schwarz-weiß denken. Ein kleines bißchen kann der Mensch natürlich schon auf seine Erfahrung vertrauen. Aber nur ein kleines bißchen! Er muss verdammt aufpassen!

Und in diesem „kleines bißchen eigene Erfahrung“ hat es sich Dir als wahr erwiesen, dass Du Dich selbst belügst?

Ja, ich habe schon das ein oder andere Mal festgestellt, dass ich mich selbst belogen habe.

Und hast Du dann damit weitergemacht?

Mal ja, mal nein.

War es dann aber wirklich noch dieses absolute Selbst-Belügen, von dem Du mir gerade erzählt hast? Also eines, das man sich wirklich überhaupt nicht anmerkt?

Nein, dann natürlich nicht mehr.

Könnte es nicht vielleicht auch sein, dass alles „Sich-Selbst-Belügen“ dieser Art ist? Man merkt es eigentlich?

Vielleicht. Aber ein wesentlicher Teil des Problems ist ja auch, dass der Mensch überhaupt ein sehr fragwürdiges Wesen ist. Er ist in einem tiefen Egoismus gefangen. Dieser beherrscht ihn in seinem Innersten: dem Unterbewußtsein. Dort einzudringen ist viel zu kompliziert. Es ist unmöglich.

Das Problem ist in Deinem Weltbild also ein viel Größeres. Die Sache mit dem Sich-Selbst-Belügen scheint jedenfalls gar nicht so absolut zu sein. Die Tatsache, dass Du selbst schonmal festgestellt hast, Dich selbst belogen zu haben, ist doch gleichzeitig auch ein Zeugnis dafür, dass Du den Betrug aufgedeckt hast – also zur Selbst-Erkenntnis fähig bist.

Du stürzst Dich auf meine kleinen Erfolge als wären sie das Maß der Dinge. Dass sie so wenig an der Zahl sind, heißt doch aber nur, dass ich noch voller Lügen bin!

Es scheint mir, als ob es für Dich nur eine Art von Erkenntnis gibt: Die Erkenntnis, sich selbst belogen zu haben oder es zu tun.

Der Mensch ist schlecht und mit Lügen durchsetzt. Es ist seine allererste Aufgabe, sich von all den Lügen in ihm zu befreien. Das hängt mit seiner Schlechtigkeit zusammen.

Gleiche Frage wie vorhin: Wie kam diese Idee in Deinen Kopf?

Auch das sagen viele vernünftige Menschen. Man hört es öfter an vielen Stellen in der Gesellschaft.

Ist auch wieder „ein kleines bißchen eigene Erfahrung“ an Deiner Überzeugung beteiligt?

Ich könnte hier einige schlechte Taten von mir aufzählen. Glaube mir, es ist leider so.

Du hattest gesagt, es gibt die Möglichkeit, sich von seinen Lügen zu befreien?

Theoetisch ja, praktisch ist das aber fast unmöglich. Es kommt eigentlich nur darauf an, es zu probieren und sein Leben lang zu versuchen. Es ist mehr so eine Art Gottesdienst. Erreichen wird man dieses Ziel bestimmt nicht. Letztlich geht es ja so oder so nur um die Gnade Gottes. Die ist das einzig Wichtige.

So kommt mir alles bisher Gesagte nur wie ein gedankliches Zeremoniell vor, durch das Du Dir die Gnade Gottes erkaufen willst. Die Gedanken in Deinem Kopf sind nicht der Suche nach Wahrheit gewidmet – Du willst die Gnade Gottes. Dabei meinst Du, dass Du diese durch eine kriecherische Selbst-Erniedrigung auf Dich ziehen kannst. Mit den Maßstäben eines gesunden Menschenverstands aber beleidigst Du den lieben Gott eher als dass Du ihn würdigst: Du traust ihm zu, dass er an so etwas Gefallen haben könnte.

Ich bin nur bescheiden, eventuell ein bißchen zuviel, aber das ist ja wohl besser als zuwenig! So bin ich auf der sichereren Seite.

Bescheidenheit hat keinen Wert, wenn sie nicht aus einer ehrlichen Einsicht in die Größe der Welt und seiner Rolle in ihr kommt. Auch hat Bescheidenheit nichts damit zu tun, sich als schlecht und verlogen zu betrachten. Was Du tust, entspricht eher einem ruinierenden Irrtum, der da heißt:

Wenn man schlecht von sich denkt, ist man auf der sichereren Seite.

Dadurch kommt man aber weder Gott noch der Wahrheit über sich selbst näher.